Auf steilem Felsen liegt die Ruine der Burg "Dunnottar“ - Der Aberdeener Hafen: Knotenpunkt der Offshore-Versorgung

Öl oder Whisky?
Als „Expatriate“ in Aberdeens Ölindustrie

Teil 1: Schottlands Ölindustrie

Für den einen oder anderen deutschen Angestellten kommt irgendwann der Tag, an dem eine ganz konkrete Entscheidung gefordert wird, ob man bereit sei, für die Firma im Ausland zu arbeiten. Für uns, die Familie Rothmann, war dieser Zeitpunkt Anfang der 90er Jahre gekommen, und wir erklärten uns grundsätzlich bereit, für meine Firma als sog. "Expatriate", d.h. Mitarbeiter im Auslandseinsatz tätig zu werden. Als einzige Einschränkung stellten wir damals die Bedingung, dass für unsere Töchter eine gymnasiumähnliche Schulausbildung vor Ort gegeben sein müsste, denn uns war klar, das wir dieses Abenteuer als Familie bestehen wollten.
Nachdem dies geregelt war, verlegten wir im Herbst 1990 unser Domizil zuerst nach Qatar (deutsch: Katar) an den Persischen Golf und ab 1992 nach Aberdeen in Schottland.

Da es sich hier um eine Schottland-Homepage handelt, will ich sofort das Kapitel über Aberdeen aufschlagen, in dem zukünftige Aberdeen-Besucher vielleicht einige positive Hinweise für ihren Aufenthalt finden können.  

Die Steilküste südlich von Aberdeen bei Foulsleugh  Verwöhnt durch die Wärme des Mittleren Ostens, erschien uns Schottland zuerst kalt und unfreundlich. Aber schon noch kurzer Zeit wurden die Vorzüge dieses Landes, oder besser der Landschaft, offenbar. Mit Sandstränden und romantischen Steilküsten im Osten und dem schottischen Hochland im Westen, bietet Aberdeen geradezu ideale Bedingungen für Freizeitaktivitäten am Wochenende. Aber da unser Aufenthalt in Aberdeen beruflich begründet war, will ich in meinem Bericht mit einigen Informationen über Aberdeens Ölindustrie beginnen, wobei Shell Expro als Beispiel für eine große Öl-Company dienen soll:

Das Öl der Nordsee am Beispiel von Shell Expro
Shell Expro
1964 war im Rahmen einer Kooperation zwischen den beiden größten Ölgesellschaften der Welt, Shell und Esso, gegründet worden, um in der Nordsee noch Öl und Gas zu suchen. Man erkannte sehr schnell, dass eine umfangreiche Olförderung in der rauhen Nordsee zu risikoreich und kostspielig für einen Multi alleine sein würde. Anfänglich beschränkten sich Shell Expros Aktivitäten auf die flachere unproblematische südliche Nordsee, und die erste Betriebsstätte nahm 1965 in Lowestoft im südwestlichen England die Arbeit auf. Erst 1967 verlegte Shell Expro seinen Standort noch Aberdeen, und nachdem 1971 und 1972 die Ölfelder Auk, Cormorant und Brent entdeckt worden waren, begann der unaufhaltsame Aufschwung der Ölindustrie und natürlich auch Aberdeens, das schnell zur Öl-Hauptstadt Europas wurde.
Zwischen
1964 und 1992 hatte Shell Expro etwa 15 Billionen Euro in das Öl­ und Gasgeschäft in der Nordsee investiert und beschäftigte 1992 ca. 4500 Mitarbeiter in Aberdeen, Lowestoft und London. Fünf Gas- und zehn Ölfelder wurden 1992 von Shell Expro im Auftrag für Shell und Esso betrieben. Insgesamt gesehen zeichnete die Gesellschaft damals für etwa ein Drittel der gesamten Nordseeproduktion verantwortlich. Eine stolze Zahl, wenn man bedenkt, dass 1992 allein im britischen Teil der Nordsee über 40 Firmen noch Öl und Gas suchten. Hier wurden von allen diesen Firmen bisher rund 4300 Bohrungen niedergebracht, etwa 150 Öl- und Gasfelder entdeckt. Mittels über 50 großen und zahlreichen kleineren Produktionsplattformen wird das schwarze Gold bzw. das Gas zutage gefördert.

Bohrinseln
Bevor jedoch gefördert wird, muss durch Explorationsbohrungen erst einmal eine lohnende Lagerstätte gefunden werden. Shell Expro hatte 1992 dafür in der zentralen und nördlichen Nordsee eine Flotte von ca. 10 Bohrinseln unter Vertrag, in der südlichen Nordsee waren es vier. Als Beispiel für eine derartige Bohrinsel sei die "Henry Goodrich" genannt (Foto rechts), eine Bohrinsel der sog. vierten Generation, d.h. damals eine der modernsten der Welt. Sie wurde 1985 für den Betrieb unter extremsten Bedingungen, z. B. in arktischen Breiten, gebaut und kann in Wassertiefen bis zu 300 m bohren. Sie wurde so konstruiert, dass sie Wellen bis zu 33 m Höhe und Stürme mit Geschwindigkeiten bis zu 115 Knoten überstehen, und sogar in dünnem arktischem Eis operieren kann. Für den äußersten Notfall stehen fünf Rettungsboote, sechs Rettungsflöße sowie 300 Überlebensanzüge bereit.
Die H. G. ist ein sog. Halbtaucher (Semi-Submersible Rig), d. h. es handelt sich um eine 75 x 75 m große schwimmende Plattform, die auf vier Tragsäulen und zwei 98 m langen Schwimmkörpern steht. Durch 12 Anker und computergesteuerte Schiffsschrauben (7000 PS) wird sie in Position geholten. Halbtaucher werden in Gebieten betrieben, in denen die Wassertiefen zu groß sind, um mobile Bohrinseln mit festen Beinen (Hook-ups) auf dem Meeresgrund aufzusetzen. Dies ist nur in der flacheren, südlichen Nordsee möglich, wo man demzufolge diese leichteren Hubinseln einsetzt, die auf Beinen aus Stahlgerüst stehen.
Wenn die "Henry Goodrich" transportiert wird, befindet sich das Hubschrauberdeck 47 m über dem Meeresspiegel. Während des Bohrens werden die Pontons geflutet und der Tiefgang vergrößert sich um 16 m. Sowohl der 60 m hohe Bohrturm als auch die Arbeitsdecks sind verkleidet, um Arbeiten bei bis zu -30 °C erlauben. Diese Verkleidung und die vier massiven Standbeine geben der "Henry Goodrich" ihr unverwechselbares, futuristisches Aussehen.
150 Mann Besatzung sind in hotelmäßigen Zweibettzimmern untergebracht; eine Squash-Halle, Sauna, Spielzimmer, Aufenthaltsräume, Bibliothek und ein Kino mit 75 Sitzen machen der Mannschaft die Freizeit so angenehm wie möglich. Trinkwasser (700 Liter pro Tag) wird mittels Abwärme-Destillation an Bord erzeugt, das Abwasser wird elektrokatalytisch gereinigt und anderer Abfall in einer bordeigenen Müllverbrennungsanlage entsorgt.

Produktionsplattformen
Die meisten der 33 Produktionsplattformen von Shell Expro sind ebenfalls komfortabel ausgerüstet. Auf den Plattformen kommen bis zu 48 meist über 5000 m tiefe Bohrungen an die Meeresoberfläche, die u. U. sogar Öl aus verschiedenen Feldern produzieren. In der zentralen und nördlichen Nordsee wurden die Ölfelder Shell Expros übrigens nach Seevögeln benannt. Das Öl und Gas wird auf den zum Teil gigantischen Plattformen soweit aufgearbeitet, dass es ohne Probleme entweder in Tanker verladen oder per Pipeline zum Land transportiert werden kann. Die Plattformen sind so konstruiert, dass sie 33 m hohen Wellen und Winden bis zu 160 km/h widerstehen können. Foto unten: Cormorant Alpha

In der südlichen Nordsee wird lediglich Gas gefördert, und da das Meer nur 20 bis 40 m tief ist, sind die Plattformen relativ klein. Sie tragen keinen eigenen Bohrturm und sind somit nur maximal 130 m hoch. Als Beispiel für eine Gasplattform soll Leman G dienen. Die 1985 errichtete Produktionsplattform steht auf sechs Stahlbeinen, die Gesamtkonstruktion wiegt 3600 Tonnen. 12 Mann Besatzung sorgen dafür, dass aus maximal 12 Bohrungen bis zu drei Millionen Kubikmeter Gas pro Tag gefördert werden können.

Die kleineren Plattformen der nördlichen Nordsee stehen ebenfalls auf Stahlgerüsten. Eine derartige, typische Ölplattform ist Tern Alpha, die 1988 erbaut wurde. Sie steht im 167 m tiefem Wasser der nördlichen Nordsee und ist einschließlich Grundgerüst (Jacket) 446 m hoch und 53 000 t schwer. 140 Mann Besatzung verarbeiten das Öl, dass aus ca. 30 Bohrungen gefördert wird. 7500 t Öl pro Tag können verarbeitet werden.

Brent Charly, eine der vier großen Brent Plattformen (A,B,C und D) steht auf drei Betonsäulen in 141 m tiefem Wasser und ragt mit dem Bohrturm 293 m über den Meeresspiegel hinaus. Damit weist die 1978 errichtete Gesamtkonstruktion eine Höhe von 434 m auf. Der Kölner Dom ist lediglich 160 m und der Eiffelturm in Paris 300 m hoch. Aber es ist nicht nur die Höhe, sondern auch die Masse an Baumaterial, die beeindruckend ist. Das Betonfundament von Brent Charly wiegt 290 000 t, die Aufbauten weitere 30 000 t. (Für den 331 m hohen Frankfurter Fernsehturm wurden insgesamt 50000 t Baumaterial verarbeitet.) 40 Bohrungen landen an der Plattform, und bis zu 40 000 t Öl können pro Tag gefördert und verarbeitet werden. Die Besatzung arbeitet 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr in 12-stündigen Schichten. Auf Brent Charly arbeiten ca. 150 Mann. Je noch Aufgabe sind sie zwei bis vier Wochen ununterbrochen auf der Plattform, danach zwei bis vier Wochen auf Heimaturlaub.  


Text und Fotos: Bernd Rothmann
Dieser Artikel erschien 1993 in der Oktoberausgabe des BEB-Mosaiks. Ich habe ihn für das Internet geringfügig abgeändert.
Der zweite Teil behandelt "Leben und Freizeit in Aberdeen und Schottland", der dritte Teil "von Clans, Tartans und Whisky"


©: www.meinschottland.de – Bernd Rothmann, Version 1, letzte Änderung am 10.9.2005