Bernd Rothmann im Hochland - Hirsche sind im schottischen Hochland gewiss kein seltener Anblick.  

Öl oder Whisky?
Als „Expatriate“ in Aberdeen

Teil 2: Leben und Freizeit in Aberdeen und Schottland

Bei unserer Ankunft in Aberdeen am 6.1.92 schien die Sonne, alles in allem also ein erfreuliches Zeichen. Besonders in Aberdeen ist das Wetter durchaus nicht so schlecht, wie es immer dargestellt wird. Die Winter sind gemäßigt, und die Sommer angenehm kühl; eine frische Seebrise sorgt dafür, dass Regenwolken zerrissen und Niederschläge meist als Schauer herunterkommen. Dennoch ist der Winter in derart nördlicher Loge gewöhnungsbedürftig, im Januar ist es lediglich von 9 bis 15 Uhr einigermaßen hell. Aber dafür sind die Sommertage eben noch länger als z.B. in Hamburg.
Innerhalb der ersten drei Tage fanden wir ein für aberdonische Verhältnisse ausgezeichnetes und komplett möbliertes Haus mit Wohn- und Esszimmer, Küche, vier Schlafzimmern, Bädern und Gäste-WC; zum Haus gehörte noch eine Doppelgarage.
Für deutsche Verhältnisse ist es etwas seltsam, dass es in den Bädern aus Sicherheitsgründen keine Steckdosen für Haarföne gibt, und dass aus den sog. Mischbatterien der Waschbecken und Wannen die eine Seite des Wasserstrahls kochendheiß und die andere eiskalt herauskommt, d.h. dass Warm- und Kaltwasser nicht wirklich gemischt werden.
Erwähnenswert ist noch, dass beim englischen PAL-Fernsehsystem die Tonübertragung anders als beim deutschen ist, und somit deutsche Fernsehtuner stumm bleiben. Aber bei der Elektrizität (220 V, 50 Hz) ist alles in Ordnung, wobei natürlich die Steckdosen anders konstruiert sind.

Die Linksfahrerei macht in den ersten Tagen Probleme. So muss man sich erst an die spiegelbildliche Einschätzung der Wagenbreite gewöhnen. Außerdem sind bei den englischen Autos Schalthebel, Handbremse und Innenspiegel auf der „falschen“ Seite an gebracht. So greift man im Eifer des Gefechtes immer wieder zum Türgriff, wenn man schalten will. Aber diese Schwierigkeiten sind recht schnell überwunden. Die Straßen sind zwar generell sehr eng, aber abgesehen vom Hochsommer hält sich der Verkehr in Grenzen, und selbst dann ist er recht dünn, verglichen mit deutschen Feriengebieten. Übrigens werden in Schottland alle Entfernungen in Meilen angegeben, und man kann sich leicht in den Entfernungen verschätzen. An den Tankstellen wird das Benzin allerdings bereits "literweise" abgegeben und bleifreies Tanken ist kein Problem.

Offizielle Währung in Schottland ist das Pfund Sterling. Aber neben den englischen Pfundnoten, die überall in der Welt gelten, gibt es in Schottland noch nationale Geldscheine, die von verschiedenen Banken ausgegeben werden. Diese Scheine sind nur in Schottland im Umlauf, und werden selbst im restlichen England nur zögerlich akzeptiert. Somit sind die Schotten weiter als die Bayern. 
Einkaufen erfordert anfänglich etwas Eingewöhnung an das englisch/schottische Maßsystem. Im Tante-Emma-Laden sind Ounces, Pounds, Yards, Feet und Inches gebräuchlich, in Supermärkten werden zusätzlich Angaben in Gramm, kg, Meter und cm gemacht. Temperaturen werden glücklicherweise sowohl in Fahrenheit als auch in Celsius angegeben.

Leider sprechen echte Schotten eine nahezu unverständliche Fremdsprache, und wir konnten nicht umhin, unsere Kinder zu bewundern, die in der Schule glänzend zurechtkamen. Im öffentlichen Leben versteht man anfangs häufig „Bahnhof“ und wenn sich die Schotten untereinander unterhalten, kann man getrost abschalten. Im Fernsehen gibt es manchmal sogar Sendungen in Gälisch mit englischen Untertiteln! Gälisch wird im Westen und auf den Inseln ab und zu gesprochen und ist mit kaum einer anderen Sprache in Europa zu vergleichen.

Für unsere damals 12 und 15 Jahre alten Kinder konnten wir in Aberdeen zwischen mehreren staatlichen und drei privaten Colleges, sowie einer amerikanischen Schule wählen, wobei die Wahl im Endeffekt auf die Cults Academy, ein staatliches "Gymnasium" fiel. Hier wurde, wie an allen schottischen Schulen, Schuluniform getrogen, d. h. Jackett, Krawatte, Blusen, Rock oder Hose. Aber ansonsten geht es an den Schulen recht normal zu, wenn man einmal von den langen Schulzeiten von 8:45 bis 15:30 Uhr absieht. Unseren Töchtern hat der Schulbesuch in Schottland trotzdem echt Spaß gemacht.  

Aberdeen
Aberdeen wird als graue oder silberne "Granitstadt" bezeichnet, weil die meisten Gebäude unter Verwendung des örtlich abgebauten Granits errichtet wurden. Im Frühjahr ist Aberdeen aber alles andere als grau und trägt den anderen Namen, "Stadt der Blumen", zu Recht.
Als Regionalhauptstadt bietet Aberdeen alles, was man zum angenehmen Leben benötigt: Gute Verkehrsverbindungen zu Luft, Wasser und zu Lande, Behörden, Universität, Schulen, Krankenhäuser, Theater, Museen, Kinos, Eislaufhalle, Schwimmbäder, Pubs und Einkaufszentren. Anfänglich scheint das Angebot in den Läden magerer als in Deutschland zu sein, aber es ist völlig ausreichend.
Das Stadtbild Aberdeens ist recht interessant, besonders wegen des Hafens, und es gibt zahlreiche historische Gebäude. Z. B. ist das Universitätsgebäude des Marischall College mit Turm und Kirche nach dem Escorial in Madrid das zweitgrößte Granitgebäude der Welt.
Ursprünglich gab es zwei Aberdeens. Dem Aberdeen am Don wurde bereits im 12. Jahrhundert als erstem schottischen Ort Stadtrechte verliehen (Royal Burgh), und es wurde Bischofssitz. Das zweite Aberdeen, Aberdeen am Dee, war immer ein bedeutsamer Hafen. 1890 wurden beide Aberdeens vereinigt.
(mehr zu Aberdeen)
Die Fotos oben zeigen das Rathaus von Aberdeen und den Granitbau des Marishall-College, einer der Universitäten Aberdeens

Die Gegend um Aberdeen wird als "Grampian" bezeichnet und ist ein überwiegend grünes Land mit sanften Hügeln im Nordosten und von der Eiszeit abgeschliffenen Bergen im Südwesten und Westen, die unmerklich ins ca. 1000 m hohe Schottische Hochland übergehen. 
Die Cairngorm Mountains und das Hochland von Mar bieten unbegrenzte Möglichkeiten zum Bergwandern. Das Flusstal des Dee wird als "königlich" bezeichnet ("Royol Deeside"), weil schon Königin Victoria seine Reize zu schätzen wusste und ihre Sommerresidenz noch Balmoral verlegte.
Balmoral Castle, der 1853-55 erbaute Sommersitz der königlichen Familie.

Die Berge
Die Berge Grampians sind geradezu ideal für das Bergwandern. Die Eiszeit sorgte dafür, dass ihre Gipfel abgerundet sind, so dass man sie ohne alpine Fähigkeiten besteigen kann. Nichtsdestoweniger ist der Aufstieg oft mühsam, führt oft durch mooriges Gebiet, und die isolierte Lage der meisten Berge erfordert meist lange Anmarschwege, bevor der eigentliche Aufstieg beginnen kann. Die Höhen variieren von
ca. 500 m im Osten bis zu über 1000 m im zentralen Hochland. Fast alle herausragenden Gipfel bieten ausgezeichnete Rundumblicke, allerdings sucht man Gipfelkreuze vergeblich. Die Gipfel werden entweder durch einen Steinhaufen, einen geodätischen Messpunkt oder gar nicht markiert.
Für fanatische Bergwanderer bietet Schottland die sog. "Munros“ und "Corbetts", sozusagen Berge zum Sammeln. Sir Hugh Munro stellte 1891 eine Liste aller 277 schottischen Berge zusammen, die höher als 3000 Fuß (= 915 m) sind. Etwas später stellte J. R. Corbett seine Liste zusammen, die alle Berge über 2500 Fuß (= 762 m) aufführt, bei denen die einzelnen Gipfel stets durch einen mindestens 500 Fuß (= 152 m) tiefen Einschnitt oder Tal voneinander getrennt sein müssen. Der Schottische Bergsteigerclub führt Buch über alle, die es nachweislich schafften, nach und nach alle "Munros" zu besteigen. 1901 wurde diese Mammutaufgabe zum ersten Mal von einem Pfarrer bewältigt. 1977 war die Liste auf 143 Namen angewachsen. Anscheinend können die Schotten ähnlich pedantisch wie die Deutschen sein.
(mehr Details zum Bergwandern)

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle Vorschläge für die unzähligen Bergtouren zu machen, die man an einem Tag von Aberdeen aus unternehmen kann. Die Krönung dieser Tagestouren ist aber sicherlich die Besteigung des in den sog. Cairngorm-Bergen liegenden Ben Mac Dui (1309 m), der nach dem Ben Nevis (1344 m, an der Westküste) der zweithöchste Berg Großbritanniens ist. Die Tour auf den Ben Mac Dui war die schönste, aber auch die anstrengendste, die ich in Schottland gemacht habe. Fast 10 Stunden benötigte ich vom Parkplatz am Linn of Dee (hinter Braemar) zum Gipfel und zurück. Dazu noch mehr als 3 Stunden Gesamtfahrzeit; es sollte also sehr stabiles, gutes Wetter herrschen, wenn man Bergtouren in Schottland macht. 
Für die Wandervögel, die nicht so hoch hinaus wollen, bietet das Bergland Grampians zahlreiche leichtere Wandermöglichkeiten. So führt z. B. im Tal Glen Esk ein wunderschöner Wanderpfad am Loch Lee vorbei ohne wesentliche Mühe an den Unich und Damff-Wasserfällen vorbei auf eine weite Hochebene.
Auch um das malerische, in 400 m Höhe liegende Loch Muick (sprich "Mick", gälisch für Schwein, das Bild ganz oben wurde beim Loch Muick gemacht) führt ein Rundweg herum, der in ca. 3 Stunden zu bewältigen ist und keine wesentlichen Höhenunterschiede überwindet. Vom Westende geht ein relativ bequemer Weg am Buidhe Wasserfall vorbei zum 240 m höher liegenden Dubh Loch (gälisch dubh = dunkel), in dem ein Ungeheuer (water kelpie) hausen soll. Und im Norden des Lochs liegt der Lochnagar, ein halbkreisförmiger Berggrat, der zu den schönsten im Lande gehört. Kein Wunder, dass Loch Muick zu den beliebtesten Ausflugszielen der Aberdeener (engl. Aberdonians) gehört.  
Nicht weit von Aberdeen bei Banchorie mündet das Flüsschen Feugh in den Dee, und kurz vor der Mündung liegen eindrucksvolle Stromschnellen, die von einer Brücke überspannt werden. Von Februar bis September wandern Atlantische Lachse aus dem Meer die schottischen Flüsse hinauf, und von der Bridge of Feugh ist dieses Spektakel mit etwas Glück gut zu beobachten.
(mehr Details zu Touren und Ausflügen)

Die Küste
Aber auch wen es mehr zum Salzwasser zieht, kommt in Aberdeen auf seine Kosten. Wildromantische Steilküsten mit einzeln stehenden Felsnadeln und tunnelähnlichen Durchbrüchen, durch die man von einer Bucht zur anderen gelangen kann, liegen im Süden Aberdeens. Hier befindet sich auch bei Crawton die größte Seevogelkolonie auf dem britischen Festland. 
Kilometerlange Sandstrände mit grasbedeckten Dünen ziehen sich nördlich von Aberdeen hin.
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Historische Sehenswürdigkeiten
Die Anzahl von Burgen und Ruinen in Grampian ist enorm, ebenso verhält es sich mit vorzeitlichen Steinkreisen und Gedenksteinen
(mehr zu den Steinen). Alleine über 50 Castles sind im Umkreis von nur 75 km um Aberdeen herum zu besichtigen. Davon sind die folgenden besonders erwähnenswert:
Dunnottar Castle
(Foto rechts) südlich von Stonehaven in beeindruckender Lage auf einem 50 m hohen, steilen, isolierten Felsen über dem Meer. In den 80er-Jahren diente die malerische Burg als Kulisse für den Film "Hamlet". Der Fels, auf dem Dunnottor steht, besteht aus Konglomerat des Roten Sandsteins, und wird im Englischen als "Pudding Stone" bezeichnet. Der natürliche Zement zwischen den Kieselsteinen ist so fest, dass Risse durch die Kiesel, und nicht durch das Bindemittel verlaufen.
Crathes Castle östlich von Banchory
(Foto unten), mit einem schönen Garten und 290 Jahre alten Eibenhecken. Am Wochenende spielen regelmäßig "Pipes and Drums"-Bands.
Craigievar Castle, dessen Wohnturm einem Märchenbuch entsprungen scheint, wird oft als der schönste Schottlands bezeichnet.
Edzell Castle, südwestlich von Fettercairn, ist eine schön renovierte Ruine aus rotem Sandstein. Zur Burg gehört ein einzigartiger Garten.
Slains Castle bei Cruden Bay ist nur noch eine Ruine. Als die Burg noch bewohnt war, inspirierte sie Bram Stoker zu seinem Roman "Dracula".
Und nicht zuletzt Balmoral Castle, der märchenschlossartige Sommersitz der königlichen britischen Farnilie, 1855 von Königin Victoria erbaut.  
(mehr zu den Burgen)


Dudelsack-Kapelle (Grampian Police Pipes and Drums Band) vor Crathes Castle


Titelbild des BEB-Mosaiks 

Text und Fotos: Bernd Rothmann
Dieser Artikel erschien 1994 in der Januarausgabe des BEB-Mosaiks. Ich habe ihn für das Internet geringfügig abgeändert.
Der erste Teil behandelt "Schottlands Ölindustrie", der dritte Teil "von Clans, Tartans und Whisky"


©: www.meinschottland.de – Bernd Rothmann, Version 1, letzte Änderung am 13.10.2005