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SCHOTTLAND
Bergwandern oder Tauchen?

Der Osten

Als ich Anfang 1992 meinen Wohnsitz aus beruflichen Gründen nach Aberdeen in Schottland verlegte, waren die Tage kurz, nass und relativ unfreundlich. Irgendwie schien die Idee, in das vom Wind aufgewühlte Meer zu tauchen, abartig.
Als die Tage im Frühjahr dann länger und freundlicher wurden, war die Anziehungskraft der Berge des Schottischen Hochlandes größer als die des immer noch grauen Meeres. Von April bis Juni verbrachte ich wunderschöne Wochenenden zwischen gletschergerundeten Bergen und ausgeschliffenen, menschenleeren Tälern.

schottld2.jpg (38166 bytes)Für den Naturliebhaber, der aus dem menschenüberquellenden Deutschland kommt, ist das entvölkerte schottische Bergland wie eine Offenbarung und von außergewöhnlichem Reiz.
Aber da der Sporttaucher keine Fachzeitschrift für das Bergwandern ist, verzichte ich auf die Aufzählung lohnender Bergtouren. Jeder Schottland-Reisende sollte allerdings von vornherein festlegen: Will ich in Schottland nach Höherem streben, oder in die Tiefe tauchen? Denn die Wahl zwischen beidem kann schwerfallen.
Hinzu kommt noch das sprichwörtlich unzuverlässige Wetter in Schottland. Bei Sturm und Regen machen weder Wandern noch Tauchen Spaß.

links: Dunottar Castel bei Stonehaven

Tauchen in Grampian
Aberdeen, wo ich in Schottland zuhause war, war ein günstiger Ausgangspunkt, um über Wasser sowohl die "Grampian Highlands" als auch unter Wasser die Ost- und Nordostküste zu entdecken.
Über Wasser sind das schöne Tal des Dee, die Berge der Highlands und unzählige Burgen und Ruinen zu erkunden.
An der Küste wechseln sich lange Sandbuchten mit malerischen, wild zerklüfteten Steilküsten ab. Felsnadeln, Torbögen, Tunnels usw. sind keine Seltenheit.

schottld3.jpg (15684 bytes)schottld4.jpg (12484 bytes)schottld5.jpg (13255 bytes)

Reizvolle Unterwasserlandschaften
Unter Wasser enden diese gewaltigen Felsformationen meist in ca. 15 m Wassertiefe auf flach abfallendem Fels- und Sandgrund; sie bieten dabei vielfach ähnlich reizvolle Tauchlandschaften. Eine Lampe sollte man immer bei sich führen, um die vielen Spalten und Höhlen auszuleuchten. Daneben gibt es senkrechte Felswände, die über und über mit Seeanemonen und Meerhänden, einer Weichkorallenart, bewachsen sind. Auf allen horizontalen Absätzen und auf dem Meeresgrund wachsen unübersehbare Kelpwälder. Massen dieser meterhohen Algen wiegen sich in der Dünung und lassen einen urwaldmässigen Eindruck entstehen.
schottld7.jpg (29263 bytes)Die Fauna ist relativ reichhaltig, jede Art von Krebstieren haust in den Spalten der Felswände und zwischen den Gesteinsbrocken am Grund: Galateen, Schwimmkrabben, Taschenkrebse und Hummer. Tintenfische sind nicht selten. Schollen und Seeteufel bewohnen den flachen Grund, junge Kabeljaue und Katzenhaie können in den ufernahen Zonen regelmäßig beobachtet werden.
Auch wenn ich nicht selbst das Vergnügen hatte, so berichten doch alle schottischen Tauchkollegen von Begegnungen mit Robben und Delfinen unter Wasser. Erstere sind über Wasser übrigens recht häufig zu beobachten, man muss nur wissen, wo! Delfinherden kommen im Moray-Firth vor.

links: bei Rosehearty

Das leidige Wetter
Das alles hört sich toll an, und ohne jeden Zweifel ist das Tauchen vor Schottland auch vom Besten. Es gibt jedoch einen wichtigen Negativ-Aspekt, nämlich das Wetter.
Wenn der Wind von Süden oder Osten bläst, kann man das Tauchen an Schottlands Ostküste getrost vergessen. Die Dünung steht dann auf der Küste, der Ein- und Ausstieg wird lebensgefährlich. Man sollte bei Nord- oder Westwind, und am besten bei Flut und nicht bei Ebbe tauchen. Somit ergeben sich für den Kurzurlauben nur relativ wenig optimale Bedingungen zum Tauchen.
An der Nordostküste, d.h. zwischen Inverness und Fraserburgh liegen die Bedingungen erheblich günstiger. Der Meeresgrund ist felsiger und deshalb werden weniger Schwebstoffe aufgewirbelt. Unabhängig von den Gezeiten kann man eigentlich immer eine windgeschützte Bucht zum Tauchen finden, lediglich Nordwind beeinträchtigt das Tauchvergnügen.
Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass man sich beim Tauchen an felsiger Meeresküste immer vor Strömungen in acht nehmen muss; allerdings habe ich im Osten niemals Strömungen angetroffen, die wirklich unangenehm geworden wären.

Kaum Tourismus
Wenn man nicht gerade Loch Ness, Edinburgh, den sog. Whisky-Trail oder eine der weltbekannten Burgen besuchte, hat man 1993 in Schottland kaum so etwas wie organisierten Tourismus vorgefunden. Das wirkte sich auch auf das Tauchen aus. Tauchbasen wie am Mittelmeer suchte man an der Küste von Grampian vergeblich. In Aberdeen und den größeren Städten gab es Tauchgeschäfte, die Flaschen füllten, ansonsten war man auf sich selbst gestellt.

Einige Tauchplätze
Einige Tauchplätze sind untenstehend aufgezählt. Am besten nimmt man aber mit einem der Tauchclubs Kontakt auf oder fragt die örtlichen Fischer bezüglich günstiger Einstiege.
Rosehearty westlich von Fraserburgh: Felswände, Einschnitte, Kelp; Einstieg vom Picknickplatz
Pennan westlich von Fraserburgh: Flach, große Höhlen, Einstiege am Rand der Badebucht
Crawton südlich von Stonehaven: Große Steilwand, Einstieg an der Spitze der Landzunge südlich des Parkplatzes
Toadhead Point südlich von Stonehaven: Größe Höhlen, Einstieg unterhalb des Leuchtturms

Der Westen

Auch wenn die Westküste im Atlas nur etwa 250 km von Aberdeen entfernt ist, war die Reise in den Westen 1992 lang und mühsam. Im Gegensatz zu den Nord-Südrouten bestanden die Querverbindungen in Schottland meist aus engen und kurvigen Straßen, und es waren zahlreiche Bergrücken zu überwinden. Deshalb waren Besuche der Westküste für mich immer mit verlängerten Wochenenden verbunden und infolgedessen nicht sehr häufig.
schottld8.jpg (25516 bytes)Dabei ist der Westen Schottlands landschaftlich viel reizvoller als der Osten und auch das Tauchen ist anspruchsvoller. Bedingt durch den vorbeifließenden Golfstrom ist das marine Leben reichhaltiger, und die Tauchgänge sind zumeist tiefer. Sichtweiten können bis zu 30 m erreichen. Oft werden Strömungstauchgänge angeboten.
Man sollte aber keineswegs dem Irrtum unterliegen, dass der Golfstrom zu einer für den Taucher spürbaren Erwärmung des Wassers an der Westküste führt: Das Tauchen im Nasstauchanzug ist a...kalt, und die meisten schottischen Taucher tauchen trocken!

links: Meerhand, eine weiche Fingerkoralle

Wegen der vorzüglichen Tauchgebiete hatte sich an der Westküste Schottlands bereits 1993 sogar so etwas wie Tauchtourismus etablieren können. Zahlreiche Schiffsbesitzer führten organisierte Tauchfahrten durch, wobei nicht selten entlegene Inseln aufgesucht werden. Aber auch, wenn die Boote in Küstennähe blieben, so steuerten sie meist Tauchplätze an, die per Auto unerreichbar waren. Denn das Straßennetz im Westen war sehr dünn.

Eines dieser Tauchboote war die 13 m lange "Mary Doune", mit der in ganztägigen Touren die Fjorde und Inseln nahe der Insel Skye  angefahren wurden. Steilwände, die bis in eine Tiefe von über 50 m reichen, sind hier keine Seltenheit.
schottld6.jpg (17278 bytes)Bis zu 12 Taucher waren bei Vollpension in einem großen, komfortablen Holzhaus untergebracht, das nur per Schiff erreichbar war, auch wenn es auf dem schottischen Festland steht. Bootsfahrten, Unterkunft und Vollpension kosteten uns im Frühjahr 1993 nur ca. Euro 75.- pro Tag und Person.

links: Landschaft auf der Isle of Skye

Ein weiteres, empfehlenswertes Charterunternehmen wurde von David Ainsley geleitet, der mit seinem 11 m-Kutter "Porpoise" die Küste und Inseln in der Umgebung von Oban für Taucher zugänglich machte. Die Bootscharter kostete 1993 ca. Euro 200.- pro Tag, 12 Taucher konnten sich die Kosten teilen.

Taucher, die das Außergewöhnliche suchten (d.h. absolute Einsamkeit, evtl. Probleme mit dem Pressluftnachschub usw.) sollten ganz nach Norden ins malerische Kinlochbervie reisen. Dort konnte man bei Jimmy MacIntosh anfragen, ob er noch Plätze auf seinem 18 m-Kutter frei hatte, mit dem er 12 Taucher bis hinauf nach Cape Wrath oder zur Insel Handa fuhr. Jims Boot kostete damals ca. 185 Euro pro Tag.

Dies waren nur drei von zahlreichen Unternehmen an der Westküste. Die Preise sind von 1993 und ohne Gewähr. Es empfiehlt sich, die jeweiligen Fremdenverkehrsbüros der Gegenden anzuschreiben, die man betauchen möchte, um aktuelle Adressen und Konditionen zu erhalten.

schottld9.jpg (72391 bytes)Abschließende Tipps:
Obwohl in Schottland überall englisch gesprochen wird, kann der weniger im Englischen Geübte mit den Schotten böse Überraschungen erleben, denn oft wird ein schlimmer Akzent angewandt. Deutsch wird nahezu niemals verstanden.
Von der Elektrizität hat man dagegen keine Überraschungen zu erwarten: 220 V, 50 Hertz wie bei uns. Aber man sollte sich rechtzeitig einen passenden Adapter und möglichst einen Mehrfachstecker besorgen, wenn man Akkus aufladen muß.
Alle Flaschen in Schottland haben internationale Anschlüsse. Je nachdem, ob man eigene Flaschen an schottischen Kompressoren füllen lassen oder DIN-Automaten an britische Flaschen anschließen will, muß man die passenden Adapter mitnehmen.
Dekokammern gab es 1993 u.a. in Aberdeen und Fort William.
Britische Taucher sind generell sehr gut ausgebildet und sehr sicherheitsbewusst. Man sollte also darauf achten, dass man vollständig ausgerüstet ist. Bei Strömungstauchgängen wurde z.B. verlangt, dass jede Gruppe eine Oberflächenboje mitführte.
Andererseits sind die Briten sehr traditionell und obwohl sich das metrische System mehr und mehr durchsetzt, wurden 1993 Flaschendrücke noch in psi, Tauchtiefen und Körpergröße in feet, Entfernungen in miles, Körpergewichte in stone usw. angegeben. Deshalb Umrechnungstabellen nicht vergessen. Beim Tanken gibt es das Benzin aber inzwischen literweise.

Bernd Rothmann

erschienen im Sporttaucher, 11/93, Seite 4


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